Neulich bei der Musikredaktionssitzung starrte ich in die apathisch verzerrten Gesichter meiner Kollegen, als es wieder einmal galt, sich eine bestimmte Anzahl an Promo CDs zu schnappen und sich diese anzuhören. Manche CDs lagen nackt da, ohne einen Funken an Information, manche eingepackt in einen Blätterwald an Infomaterialien. Und wir müssen uns auf gut Glück einige davon herausfischen und hoffen, dass man sich den Abend vor der Stereoanlage nicht völlig verhagelt, weil man wirklich nichts mit handgeklöppelten Nussschalen erzeugte Ethnoballaden in einer Variation von Oliver Shanti hören muss. Aber der Ärger fängt jetzt erst an:
Und da hat man sie dann, eingeschweißte Promosilberlinge (DAS NERRRRRRRRVT!!! WIR MÜSSEN DIE SCHEISS FOLIE IRGENDWIE RUNTERKNIBBELN!!!! NICHT IHR!!! ) einfach so, für sich selbst da stehend, blanko quasi, ohne irgendwelche Information, bis hin zum Mega Monster Master Promopaket, das vollgestopft ist mit bescheuert uninteressanten Artikeln der Hüxterer Nachrichten über den Benefizgig bei der Freiwilligen Feuerwehr. Nicht zu vergessen, Sticker, Sticker und nochmal Sticker und gaaaaaanz tolle Fotos, am besten noch vor einer gemalten Kulisse und Bandbeschreibungen, seitenweise Ergüsse über die eigene Einmaligkeit, Professionalität und Referenzen.
Das, liebe Freunde der gediegenen Unterhaltung, ist unerträglich, weil unnötig, uneffizient und völlig kontraproduktiv. Deshalb hier mal ein paar Gedanken, wie es eigentlich zum Besten für beide Seiten gereichen könnte. Einige dieser Ideen sind nicht auf meinem Mist gewachsen, so leisten Labels wie Finest Noise Rec. hervorragende Promoarbeit und das möchte ich hier an ein paar Punkten erläutern:
1. Das Promopaket
Das ideale Promopaket sieht für mich wie folgt aus:
1 CD, 1 Beiblatt, Front- und Backcover, Booklet (vielleiiiicht noch 1 (!) Sticker, wenn er cool ist), fertig! Nun zu den einzelnen Punkten:
-Eine CD, weil eine CD völlig ausreichend ist, ich kann nur eine CD auf einmal hören, was soll ich mit 5 anderen? Mir ne Diskokugel kleben?
-Front- und Backcover, weil man da die Playlist hat, vielleicht auch ein paar Infos wie Kontakte etc. stehen
-Booklet, is nett aber nicht zwingend notwendig, wenn ich das Booklet nämlich brauche, um die Texte zu verstehen, dann muss die Mucke schon schwer überzeugend sein, damit ich mir die Texte vornehme, da sie sich mir aus einem unerfindlichen Grunde nicht erschließen.
Da habe ich doch tatsächlich mal eine Thrash-Doom-Metal Band zur Promo gehört und war vom Sound total weggefetzt. Und den Ursupallauten des Sängers gestand ich den Status einer gewissen linguistisch nachvollziehbaren Artikulation einfach nicht zu, sprich das war einfach nur böses Gegrunze aus der Hölle. Und ich war vielleicht gerade deshalb vom Gesamtkonzept so begeistert, da flog mein Auge zufällig auf die Seiten des Booklets und nahm mit Verwunderung wahr, dass es in den Liedern doch wahrlich Texte geben musste, denn deutlich, in feinstem Englisch (Arial 05) standen Sätze mit Subjekt, Prädikat, Objekt und ja, sogar Synthax!
Als ich dann auch noch lesen durfte, was die Künstler eigentlich ausdrücken wollten, war meine Begeisterung um so größer. Deshalb, aber nur deshalb kann ein Booklet sinnvoll sein.
2. Das Beiblatt
Auch hier gilt ein Beiblatt. Keine zwei, drei oder gar eine ganze Mappe! Ein Beiblatt! Und da muss ich, wie bereits erwähnt, finestnoise loben, denn auf deren Promobeiblatt steht alles, was man wissen muss:
-Name der Künstler
-Name des Tracks/Albums
-Verlag/Label
-Vertrieb
-Veröffentlichungsdatum
-Genre (ganz wichtig)
Und den Rest des DIN A 4 Blattes füllt man dann mit kleinen, sinnvollen Texten über die Bandbiographie, Kontakt zum Label, Kontakt zur Band, Homepage, Veröffentlichungen etc. Aber bitte dezent.
Warum nicht mehr? Weil man mehr nicht braucht! Stellt Euch vor, da liegt ein Haufen CDs und ihr müsst Euch mindestens fünf CDs nehmen, sie Euch zu Hause anhören und darüber ein Feedback schreiben, hättet Ihr dann nicht wenigstens gerne die Möglichkeit, sich ein Genre auszusuchen, was einem jetzt nicht unbedingt so fern liegt, wie handeklöppelte Nussschalen-Klänge in einer Interpretation von Oliver Shanti? Hmmh? Ich höre mir doch etwas ganz anders, vielleicht sogar mit Erwartungen an, wenn ich wenigstens weiß, dass die zu hörende Musik mir nicht sui generis den Enddarm nach aussen stülpt!
Also diese 6 Punkte brauchen ein Beiblatt und natürlich auch eine FEEDBACK-Adresse. Und da sind wir schon beim nächsten Thema:
3. Das Feedback-Formular
Lumax-Musikservice haben hier eine sehr feine und für alle zu empfehlende Sache ins Leben gerufen, daß dem 21. Jahrhundert auch gerecht wird. Tatataaaaa.......das Online-Feedback-Formular, neee, was? Da is noch keiner draufgekommen? Also von denen Bemusterungen, die ich kriege, ausser Lumax noch keiner. Tja, wie dem auch sei, einfach einloggen, Feedbackformular ausfüllen, fertig. Dauert keine 2 Minuten und gut is. Man bekommt sogar per e-mail eine Kopie des Feedbacks gemailt, damit man nicht aus Versehen zweimal feedbackt. Das nenn ich Service.
Ok, wenn schon kein Online-Formular, dann bitte eine e-mail Adresse, an die man sein Feedback mailen kann.
Und jetzt kommts, unglaublich viele Bemusterer erwarten tasächlich, dass wir ihnen ihre ausgefüllten Formulare zurückfaxen! Sag mal, gehts noch? Na klar, kostet ja gar keine Zeit und so. Also in den 90ern ja, aber nicht mehr 2007!
Fassen wir also noch mal kurz zusammen:
1 CD, 1 Front- und Backcover, 1 Booklet und 1 Beiblatt ! Diese vielleicht in eine Klarsicht CD-Hülle gesteckt, wäre perfekt. Hardcases haben wir genug. Der Vorteil liegt nämlich auch darin, dass dies enorm Platz und Gewicht sparend ist, was es dem Bemusterer ermöglicht, möglichst viele CDs, zu möglichst geringem Preis, als Brief per Post zu verschicken.
4. Der persönliche Kontakt:
Ich erachte es als klug, bei den Radiostationen, welche man bemustern will, gezielt nach den Redakteuren zu fragen, die vielleicht eine Sendung zum bemusterten Genre betreiben oder zumindest ein Faible dafür haben. Denn auch hier gilt, man hört sich doch schon lieber was an, was einem nicht von vorneherein die Zirbeldrüse entkorkt.
Ausserdem ist das Feedback von jemandem, der sich in dem Genre auskennt, doch vielleicht etwas profunder als das eines Genrefremden. Will heißen, wenn ein eingefleischter Heavy-Metal-Redakteur die Band XY deshalb schlecht bewertet, weil sie vielleicht genauso klingt wie, oder einfach technisch unsauber ist, etc.pp., dann bringt das Feedback ja vielleicht auch was, wenn es denn den Musikern weitergeleitet wird. Was tatsächlich passiert, wenn es sich um ein soziales Label handelt.
Und wer ein ehrliches Feedback schreibt und am anderen Ende einen aufmerksamen Bemusterer sitzen hat, der bekommt dann vielleicht beim nächsten mal solche CDs zugeschickt, die eher zu ihm passen könnten. Hey, gib dem Affen Zucker.
Also bitte nicht einfach im Sender anrufen oder uns Netz gehen, die Adresse der Musikredaktion raussuchen und uns Redakteure einfach aufs Gerate Wohl mit Promoschrott bombadieren. Denn darauf haben wir alle keinen Bock mehr. Nein, forscht ein bißchen nach, wer macht welche Sendung, wer interessiert sich für welche Musik und dann schickt Euer kleines aber feines Promobriefchen gezielt los.
Das erspart uns eine Menge Zeit, Müll und Frustration und führt für alle Beteiligten zu einem zeitnahen und effizienten Ergebnis.
Euer Kellerkind
Marc Weissenberger