Diesen Abend verbrachte ich mit Ulli Schiller bis 02.30 vor seiner Anlage zuhause und mir wurde dabei wieder Folgendes ins Bewußtsein zurückgerufen.
1. Trotz redaktioneller Arbeit für diese Sendung, hat sich das massige Durchhören aller Einsendungen zu einer Art Fast-Food-Mentalität, was das das private Anhören von Musik betrifft, entwickelt. Ich habe beispielsweise 30 Songs durchzuhören, das besteht aus "Intro, Hook, skip, skip, ok, klingt cool, nehm ich, nächster track". Als Arbeitstechnik ist das auch gar nicht anders machbar, denn sonst säße ich ja 3 Stunden am Tag nur vor dem PC und würde mir grade mal 3 LPs angehört haben.
Gestern saß ich also mit Ulli in seinem Wohnzimmer und, nachdem wir das Geschäftliche besprochen hatten, kamen wir ins Diskutieren über Aufnahmetechniken, Spieltechniken verschiedener Gitarristen, Genres, Bands, etc. Schnell zog Ulli eine CD oder LP nach der anderen aus seinem Regal und wir durchreisten die letzten 30-40 Jahre der Pop-und Rockmusik.
Irgendwie fühlte ich mich dabei in meine Jugend versetzt, als Musik hören, noch eine bewusste Freizeitbeschäftigung für mich war. Wir saßen also da und hörten uns beispielsweise Fleetwood Mac an, nicht die Hits, sondern die ganzen anderen Stücke, die auch mal 20 Minuten gehen konnten. Ab und zu warf jeder von uns einen Kommentar dazu ein, an wen die Musik angelehnt war oder nicht, wie die Aufnahme klang, aber eigentlich, hörten wir nur Musik.
Dabei stellte sich eine Ruhe ein, die ich sonst kaum noch beim Musik-Hören zuhause wiederfinde. Entweder läuft dort der PC und man posted eben noch einen Artikel, oder das Telefon geht oder Musik ist zur Hintergrundbeschallung im Einsatz.
Gestern wurde mir klar, dass man Musik bewußt hören muss. Glotze aus, Handy aus, PC aus, aufs Sofa setzen und die Platte anhören.
2. Ich kann nur jedem empfehlen, der einen Verwandten, Freund oder Bekannten hat, der über einige Exemplare der Rock- und Popmusik der 60er und 70er Jahre verfügt, sich mit diesem eine ganze Nacht lang vor die Anlage zu setzen und sich das Zeug mal anzuhören.
Wusstet Ihr, dass Dream Theater die Band Kansas als ihre größten Einflüsse genannt haben? Jap, genau die, die "Dust in the wind" geschrieben haben! Warum Dream Theater sich auf die amerikanische Band bezieht, wird Euch spätestens klar, wenn ihr mal die Werke aus den 70ern anhört. Das sind derart ausgereifte, komplexe und abwechslungsreiche Kompositionen, brilliant gespielt, dass es jedem Musiker den Atem verschlägt.
"Black Magic Woman" ist gar nicht von Santana, sondern von Fleetwood Mac, ein netter Aha-Effekt, beim Durchören der Platte.
Schon mal was von Grand Funk Railroad gehört? Da fliegen Euch die Ohren weg!
Oder wer mit TOTO immer nur "Africa" oder "Hold The Line" in Verbindung bringt, der sollte sich mal die Platten anhören, die gepresst wurden. Das ist Rock trifft Fusion im Quadrat. Und nach diversen unglaublichen Soli von Steve Lukather stellte ich fest, dass es sowas heute kaum noch gibt. Soli, bei denen die Gitarre schreit und weint, dass es einem die Eier aus dem Sack zieht. Soli, bei denen man sich wünscht, die Gitarristen der Jetzt-Zeit würden sich da wieder rantrauen.
3. Die Pop- und Rockmusik der Gegenwart ist aufgebaut, wie ein Quicki auf der Toilette mit ner Unbekannten . Kurz, schnell, heftig und nicht besonders langlebig. 3,30 Minuten daueren sowohl der Quicki als auch das durchschnittliche Songformat.
Bekannte Bands wie Muse oder Tool bilden da eher die Ausnahme. Warum? Weil die Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten mittlerweile derart runter reduziert wurde, dass diese schon nach 3, 30 Minuten befriedigt werden wollen.
Nichts gegen Quickies aber Ihr alle kennt auch die andere Variante, bei der man glücklich und kaputt auf dem Bett liegt und feststellt, das gerade 1,5 Stunden ins Land gegangen sind.
Fazit: Verucht mal wieder, Musik nicht nur mal zwischen reinzuschieben, sondern nehmt Euch richtig Zeit dafür. Ein toller Nebeneffekt, wenn Euch die Platte nach 15 Minuten langweilt, dann kauft Euch in Zukunft lieber nur den Track und gebt Euer Geld für Alben aus, die Euch 90 Minuten ins Sofa drücken oder durch die Bude springen lassen.
Und an alle Homerecorder da draussen, noch ein Tipp von Ulli am Rande: Bewusstes Hören aller erdenklichen Musikstile schult Euer Gehör für Eure Produktionen. Die Tracks über die Abhöre ganz bewußt und konsequent wahrnehmen, feststellen, wo die Stimme im Mix platziert ist, wie die Drums im Panorama sitzen und vor allem, wie der Track aufgebaut ist, sind essentielle Grundlagen, die Euch beim Aufnehmen, Arrangement, Mixing und Mastering enorm helfen!
Und hört Euch die nächste Local Heroes Radio Sendung am kommenden Montag an, denn dort werden alle Tracks in voller Länge ausgespielt, auch wenn es 10 Minuten dauert!