Online-Radios in den USA bleiben heute stumm. Die Betreiber protestieren mit einem National Day of Silence gegen die Erhöhung der Abgaben durch das amerikanische Copyright Royalty Board. Alle großen Anbieter sind dabei, lediglich last.fm sieht sich nicht in der Pflicht und muss sich als Streikbrecher bezeichnen lassen.
Live365 wirbt für eine bezahlbare Abgaben-Regelung.
Konstanz (mmö) - Wer heute seine Lieblingsstation im Netz aufruft, hört unter Umständen nur Rauschen. Oder absolute Stille. Amerikanische Online-Radiobetreiber ergreifen drastische Maßnahmen, um gegen eine Entscheidung des Copyright Royalty Board (CRB) zu protestieren.
Das Board, das sich aus drei Richtern zusammensetzt und in etwa die gleichen Aufgaben wahrnimmt wie die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) und die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) in Deutschland, hatte im März einen Plan zur Erhöhung der Abgaben für Webradios beschlossen. Hierzulande wahrt die GEMA die Rechte der Urheber (Komponisten und Textschreiber), während die GVL die Rechte der Künstler und Plattenfirmen vertritt. In den Staaten kommt beides beim CRB zusammen, das dem United States Copyright Office unterstellt ist.
Laut dem Plan des CRB sollen ab dem 15. Juli dieses Jahres rückwirkend zum 1. Januar 2006 bis 2010 die Lizenzabgaben für Online-Caster von 0,08 auf 0,19 US-Cent pro Song und Hörer steigen. Die bisher gültigen Abgaben für Satelliten- und terrestrische Radios liegen deutlich unter den neu festgelegten Gebühren für die Onliner.
Gegen diese Festlegung protestieren am heutigen Dienstag zahlreiche Internet-Stationen mit einem von der SaveNetRadio-Organisation organisierten National Day of Silence. Die meisten teilnehmenden Radios bleiben einfach still, der Sender KCRW aus Santa Monica in Kalifornien senden wiederholt ein einstündiges Programm, das über die Situation und das Anliegen der Radios aufklärt.
An dem Streik, der auf manchen Stationen auch als D-Day for Webcasters bezeichnet wird, beteiligen sich alle großen Radiostationen, so auch Yahoos Launchcast, Rhapsody, MTV Radio und Pandora. Accuradio hat seine Seite mit einem Verweis auf die Homepage von SaveNetRadio gleich komplett unbenutzbar gemacht.
Auf der Site von Live365 erklärt Chef N. Mark Lam die Situation: "Webcaster, Künstler und Hörer, die das Internetradio bewahren wollen, erheben ihre Stimme laut und deutlich!" An anderer Stelle schreibt der Sender: "Wir sind uns der Störungen bewusst, die hierdurch verursacht werden, aber wir sehen uns gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Zusammen mit allen anderen Webradios zeigt Live365 ihnen, was sie erwartet, wenn sich die Situation nicht schnell ändert ... Stille."
Die großen Sender üben sich damit in einer erfreulichen Solidarität mit den Kleinen, die von der Neuregelung natürlich besonders betroffen sind. Ein Pandora-Vertreter erklärt in der Sendung auf KCRW, dass man eigentlich damit gerechnet habe, in ein bis zwei Jahren rentabel zu werden. Jetzt jedoch befinde sich das Projekt auf Grund der Neuregelung in einer akuten finanziellen Krise.
Viele der teilnehmenden Radiostationen rufen deswegen ihre Hörer auf, sich an ihre Senatoren und Congressmen zu wenden, um die Abgabenerhöhung noch stoppen. Einen Gegenvorschlag gibt es auch schon.
Der Internet Radio Equality Act wurde schon Ende April in das House of Representatives eingebracht und wird scheinbar auch von zahlreichen Abgeordneten unterstützt. Eingereicht haben ihn ein demokratischer und ein republikanischer Volksvertreter. Der Gesetzesentwurf sieht eine andere, für Radios bezahlbare Abgaben-Regelung vor.
Einzig die Musik-Community last.fm, bei der User ihre eigenen Radiostationen zusammensetzen können, beteiligt sich nicht am Streik. MP3.com zitiert den Mitarbeiter Russ Garrett: "Wir sind eine Firma aus Großbritannien und wir übertragen in Hunderte von Ländern. Die Entscheidung in den USA hat keinen so großen Effekt für uns." Das stößt scheinbar einigen Usern der Site sauer auf, im Forum der Homepage gibt es lange Diskussionen zum Thema. User jeevan beispielsweise droht schon einmal mit dem Löschen seines Accounts, sollte last.fm sich nicht am National Day of Silence beteilgen. Die Plattform war vor einigen Wochen vom amerikanischen Mediengiganten CBS übernommen worden.
Im Techcrunch-Blog fürchtet Blogger Duncan Riley, dass die Nichtteilnahme einen "Backlash" auslösen könne und prophezeit den Unmut von Usern, die schon länger bei last.fm sind. Last.fm-Mitgründer Felix Miller argumentiert im Last.fm-Blog dagegen wie folgt: "Erstens ist Last.fm eine Musikplattform und nicht bloß ein Radio. Anders als viele unserer Webcaster-Kollegen haben wir ein lebendiges soziales Netzwerk, eine riesige Musik-Fanbasis. Viele Leute benutzen unsere Site, ohne jemals das Radio anzustellen."
In Großbritannien, unter dessen Gesetzgebung last.fm mit seinem Hauptsitz in London falle, gebe es schon seit dem Gründungsjahr 2002 hohe Abgaben zu entrichten, zum Teil sogar höhere als in den Vereinigten Staaten: "Das ist immer noch eine große Herausforderung für uns, aber wir schlagen uns schon seit Jahren damit herum," so Miller weiter.
In Deutschland ist es nur auf den ersten Blick günstiger, ein Online-Radio zu betreiben. Seitens der GEMA gibt es bereits eine Regelung für Online-Radios, hier bezahlen Betreiber unter bestimmten Voraussetzungen einen festen Betrag, man kann zwischen verschiedenen Laufzeiten wählen. So zahlt man beispielweise für einen Monat 30€ oder für ein ganzes Jahr 360€ zzgl. Steuern.
Die GVL langt allerdings schon in anderen Dimensionen hin: Je nachdem ob man ein nicht-kommerzielles oder ein kommerzielles Webradio betreibt, bezahlt man pauschal 500€ oder 1500€. Dazu kommen noch Kosten von 0,05 Euro-Cent pro Song und Hörer bei nichtkommerziellen Radios. Doch hierzulande hört man nichts von einem Aufschrei à la Refused: "We want the airwaves back!" Es scheint, als habe man sich in Deutschland schon mit einer unhaltbaren Situation abgefunden.
(Dieser Artikel wurde auf http://www.laut.de veröffentlicht)